Die Heidi-Geschichte

Heidi - Ein Kind bewegt die Welt

Der berühmtesten Schweizerin bestgeratenes und also bekanntestes literarisches Kind, das Heidi, hat in den ersten elf Jahrzehnten seines Daseins eine beachtliche Lebenskraft an den Tag gelegt. Es wurde in nahezu 50 Sprachen übersetzt und in wohl ebensovielen Millionen von Exemplaren gedruckt; es wird rund um den Erdball gelesen oder in Film und Fernsehen bewundert; weder die wechselnden literarischen Modeströmungen, noch die spitzen Stifte seiner Kritiker oder die grosszügigen seiner Bearbeiter konnten diesem Werk etwa anhaben - wahrhaftig ein Phänomen. Woran mag das liegen?

Da ist zunächst die Kraft seiner Fabel, so stimmig und gleichzeitig so einfach, dass sie wirklich "jedem Kind einleuchtet". Da ist ferner die verlässliche Klarheit der auftretenden Personen: das originelle, liebenswürdig-humorvolle, durch und durch natürliche Heidi; der holprige Peter "dicht an der Grenze des Albernen, aber keineswegs sie übertretend", wie schon C.F. Meyer feststellte; der brummige, erzväterlich strenge und doch so gütige Alpöhi; die blinde, bemitleidenswerte Grossmutter; die reiche und trotzdem arme, gelähmte Klara; die blöde, hartherzige Rottenmeier; die kluge, liebe Grossmama; der freundliche, verständige Doktor - da weiss man, was man hat. Schwarz-weiss-Malerei?

Auf eine Weise wohl, aber so schön und gut geschrieben, dass sie im Leser umso farbigere Bilder weckt. Simple Verteilung von Gut und Böse? Auch, aber nicht nur, und im übrigen macht das auch den Reiz der meisten Märchen aus, die den schönsten Schatz aller Volksliteraturen bilden. Unrealistisches gutes Ende, in einer Welt, die doch so schlecht ist? Zum Teil, ja, aber das wollen wir doch unseren Kindern auch gönnen - das andere erfahren und lernen sie noch früh genug.

Und wie war das früher, bei seinem Erscheinen? Damals muss das Heidi geradezu revolutionär gewirkt haben. Da wagte es doch jemand, sich ganz auf die Seite der Kinder zu stellen, anstatt, wie gewohnt, auf die Seite der Erwachsenen! Mit dem Heidi gab Johanna Spyri den Kindern die Möglichkeit, wieder in ihre natürliche Welt zurückzukehren und nicht wie Puppen, gekleidet und gefordert wie Erwachsene, agieren zu müssen. Oder anders gesagt: Als Pionierin der Jugendliteratur propagierte Johanna Spyri, in heute noch aktueller Weise, die Wertschätzung des Kindes als Kind.

Aber: Ist das Heidi nicht viel zu brav, zu fromm, zu religiös? Nun, wer jegliche Existenz des Wunderbaren und die Kraft des Glaubens leugnet, dem ist sowieso nicht zu helfen. Doch: Wäre es nicht gerade heute lebenswichtig, den Glauben an das Gute, das Wahre, das Schöne nicht ganz zu verlieren?

So oder so: Aus dem Heidi spricht die Stimme der Liebe - wir sollten nicht müde werden, auf sie zu hören. Ein Kind bewegt die Welt, vermag positive Veränderungen bei den Menschen zu bewirken - steckt da nicht ein ganzes Erziehungsprogramm darin?

Jürg Winkler

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